Gewaltfreie Kommunikation
Ihr redet seit einer halben Stunde, und Du merkst, wie Ihr beide auf Granit beißt.
Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg ist ein Kommunikations- und ein Konfliktmodell zugleich. Sie sortiert ein Gespräch in vier Schritte und trennt dabei konsequent, was viele von uns vermischen: was tatsächlich passiert ist, was ich dabei fühle, was mir fehlt und was ich mir wünsche.
Rosenberg arbeitet mit zwei Bildern. Die Wolfssprache wertet, urteilt und schreibt zu. Die Giraffensprache spricht von Bedürfnissen und Werten. Die Giraffe hat das größte Herz aller an Land lebenden Tiere, einen guten Überblick und keine natürlichen Feinde.
DIE VIER SCHRITTE
Beobachtung. Was ist konkret passiert? Nur beobachtbare Tatsachen, ohne Deutung, ohne Bewertung, ohne Verallgemeinerung. Statt „Du bist unzuverlässig“ also „Du hast unsere Verabredung gestern nicht eingehalten“.
Gefühl. Was löst das bei mir aus? Und zwar ein echtes Gefühl. „Ich fühle mich übergangen“ ist keins, das ist eine Zuschreibung an den anderen, verkleidet als Gefühl. Echt wären: enttäuscht, verärgert, besorgt.
Bedürfnis. Welcher Wert von mir kommt gerade zu kurz? Allgemein und positiv formuliert, ohne konkrete Person, ohne Ort, ohne Zeit. Verlässlichkeit zum Beispiel. Oder Anerkennung. Oder Mitbestimmung.
Bitte. Was soll der andere konkret tun? Klar, machbar, positiv formuliert. Eine Bitte, keine Forderung, und auch kein frommer Wunsch.
WAS DAS MODELL NICHT MEINT
Gewaltfrei heißt nicht konfliktfrei. Die vier Schritte machen einen Konflikt bearbeitbar, sie machen ihn nicht kleiner.
Es heißt auch nicht weichgespült. Ein Satz nach diesem Muster kann sehr deutlich sein, er wird nur ohne Vorwurf deutlich.
Und es ist keine Technik, die man beim Gegenüber anwendet. Wer die vier Schritte als Werkzeug einsetzt, um jemanden zu etwas zu bringen, wird sofort durchschaut.
WIE ICH DAS IM GESCHÄFTSLEBEN EINSETZE
Das Modell klingt im Original nach Familienaufstellung, und das ist der Grund, warum es in Werkshallen und Ratssälen selten ankommt. Deshalb arbeite ich mit einem Vokabular, das im Beruf trägt.
Statt „Ich bin traurig“ also: Ich bin irritiert, gestresst, frustriert, überrascht, ärgerlich. Ich mache mir Sorgen. Und bei den Bedürfnissen: weil mir Akzeptanz, Offenheit, Ehrlichkeit, Sicherheit oder Mitbestimmung wichtig ist. Weil mir wichtig ist, dass Leistungen wahrgenommen werden. Weil mir wichtig ist, dass jeder für sich selbst Verantwortung übernimmt.
Der Unterschied im Ergebnis ist erheblich. Ein Vorwurf provoziert eine Verteidigung, ein benanntes Bedürfnis provoziert eine Antwort. Ohne diese Trennung reden zwei Menschen aneinander vorbei wie Maschinengewehr gegen Wasserpistole.