Konflikteskalation nach Glasl
Ihr habt im März über einen vergessenen Gruß gestritten, und heute redet niemand mehr miteinander.
Friedrich Glasl hat 1980 beschrieben, wie ein Konflikt sich in neun Stufen nach unten arbeitet. Das Modell teilt diese neun Stufen in drei Phasen: erst können beide gewinnen, dann gewinnt einer auf Kosten des anderen, am Ende verlieren beide.
Der eigentliche Nutzen liegt nicht in der Beschreibung. Er liegt darin, dass Du an der Stufe ablesen kannst, was jetzt noch hilft und was nicht mehr.
DIE NEUN STUFEN
Phase eins, beide können gewinnen
- Verstimmung. Ärger über einen Anlass, der für sich genommen klein ist. Ein vergessener Gruß, eine Information, die zu spät kam.
- Debatte. Offener Streit, beide beharren auf ihrem Standpunkt. Hier wäre eine sachliche Auseinandersetzung noch ausreichend.
- Taten statt Worte. Man geht sich aus dem Weg, das Trennende rückt nach vorn. Erste körperliche Anzeichen zeigen sich.
Phase zwei, einer gewinnt auf Kosten des anderen
- Koalitionen. Beide Seiten suchen Verbündete. Ab hier ist es kein Zweierkonflikt mehr.
- Gesichtsverlust. Der andere wird öffentlich beschädigt, Strategien werden erarbeitet, um ihn unter Druck zu setzen.
- Drohungen. Der Konflikt ist das Hauptthema, die Kooperationsbereitschaft ist weg.
Phase drei, beide verlieren
- Vernichtung. Jede Handlung des anderen wird negativ gedeutet, schlimmere Absichten werden unterstellt.
- Zersplitterung. Offene Sabotage, Angriffe auf die Machtbasis der Gegenseite.
- Gemeinsam in den Abgrund. Es geht nur noch um er oder ich, eigene Schäden werden in Kauf genommen.
WAS DAS MODELL NICHT MEINT
Es meint nicht, dass jeder Konflikt alle neun Stufen durchläuft. Die meisten bleiben in den ersten dreien, und dort gehören sie auch hin.
Es meint auch nicht, dass die Stufen gleich lang sind. Der Sprung von eins auf drei kann in einer Woche passieren, und dann steht ein Konflikt zwei Jahre auf Stufe vier.
Und es ist kein Instrument, mit dem Du jemanden einordnest. Eskaliert ist der Konflikt, nicht der Mensch.
WAS AUF WELCHER STUFE NOCH HILFT
Das ist der Grund, warum ich das Modell in fast jedem Führungsworkshop zeige.
Stufe eins bis drei. Ihr schafft das selbst. Zuhören, danken, dass jemand das Thema angesprochen hat, Verständnis zeigen, die eigene Verantwortung benennen, Ziele klären, nächste Schritte verabreden. Sechs Handgriffe, mehr braucht es meistens nicht.
Ab Stufe vier. Ohne jemanden von außen wird es schwierig. Nicht weil Ihr zu ungeschickt wärt, sondern weil alle Beteiligten inzwischen Partei sind.
Ab Stufe sieben. Hier steht am Ende oft die Trennung der Parteien, Versetzung oder Kündigung.
Das Zeitfenster für die einfache, schnelle und günstige Lösung ist klein. Deshalb sage ich in Führungskreisen gern: Haltet mal den Ball flach, solange er noch flach zu halten ist.