Scheinkonsens
Alle haben genickt, und keiner hält sich dran.
Ihr habt den Prozess mit großem Aufwand definiert, mit Workshop, Meilensteinen und Verantwortlichkeiten. In der Abstimmungsrunde hat niemand widersprochen. Vier Wochen später arbeitet die Hälfte weiter wie vorher, und niemand redet darüber.
Ein Scheinkonsens ist eine Zustimmung, die im Raum stimmt und draußen nicht mehr gilt. Alle nicken, weil Widerspruch teurer wäre als das Nicken. Getroffen wurde die Entscheidung, mitgetragen wird sie nicht.
SO SIEHT DAS IM ALLTAG AUS
Es zeigt sich selten laut. Es zeigt sich an der dritten Mail zum gleichen Thema, weil die zweite niemand gelesen hat. An dem Meilenstein, der ohne Kommentar um zwei Wochen wandert. An dem Satz „ich hatte das anders verstanden“, der vier Monate nach der Entscheidung fällt.
Und es zeigt sich an den 827 guten Gründen, die es dafür gibt, warum es diese Woche gerade nicht ging.
MITTRAGEN UND AUSSITZEN
Zwei Wörter, die ich bewusst benutze, weil sie das Phänomen von zwei Seiten beschreiben.
Mittragen heißt, dass eine Gruppe hinter einer getroffenen Entscheidung steht und sie konsequent umsetzt, auch wenn einzelne persönlich anders entschieden hätten. Mittragen heißt nicht zustimmen. Es heißt, sich für die Umsetzung verbindlich zu zeichnen.
Aussitzen heißt, besseren Wissens nicht zu handeln. Wer aussitzt, wartet ab und hofft, dass sich das Thema von selbst erledigt, statt in die Klärung zu gehen. Aussitzen ist keine neutrale Position, es ist eine Form der Verantwortungsverweigerung.
WAS DER BEGRIFF NICHT MEINT
Ein Scheinkonsens ist selten Böswilligkeit. In den meisten Fällen hat schlicht niemand einen Ort gehabt, an dem der Widerspruch hingepasst hätte.
Er ist auch kein Kommunikationsproblem im engeren Sinn. Die Information ist angekommen. Was fehlt, ist die Bereitschaft, sie zu tragen.
Und er lässt sich nicht durch mehr Abstimmungsrunden lösen. Mehr vom Gleichen erzeugt mehr vom Gleichen.
WIE ICH DAMIT ARBEITE
Ich frage vor der Entscheidung, nicht danach. Und ich frage nicht, ob alle einverstanden sind, denn darauf nickt jeder. Ich frage: Was müsste passieren, damit Du in vier Wochen doch wieder anders arbeitest?
Diese Frage holt die Einwände auf den Tisch, solange sie noch etwas kosten dürfen. Wer vorher gehört wurde, trägt hinterher mit. Wer nicht gehört wurde, sitzt aus.
Ehrlicherweise gilt auch: Wir können keinen zum Altar tragen. Wenn jemand nach dieser Frage immer noch nicht mitgeht, hast Du kein Kommunikationsproblem, sondern eine Personalentscheidung vor Dir.