Widerstand
Alle nicken im Meeting, und danach passiert nichts. Das ist kein Zufall.
Widerstand ist die spürbare oder unsichtbare Gegenbewegung zu einer Veränderung. Er begleitet jeden Veränderungsprozess, und in den meisten Fällen tritt er verdeckt auf. Das macht ihn schwer zu bearbeiten, denn den Menschen, die ihn ausüben, ist er häufig selbst nicht bewusst.
VERDECKTER UND OFFENER WIDERSTAND
Verdeckter Widerstand agiert aus dem Verborgenen. Die Absicht ist meistens, etwas zu verhindern, ohne dabei erkannt zu werden. Wird er nicht rechtzeitig bemerkt, entstehen tickende Zeitbomben, die sich in ihrer Zerstörungskraft immer weiter aufladen.
Offener Widerstand ist bewusst und sichtbar. Er zeigt sich als Widerspruch, als Kritik oder Beschwerde, als konkrete Aktivität gegen das Vorhaben. Und er ist die bessere Nachricht, denn die Karten liegen auf dem Tisch. Er lässt sich verhandeln, er ist meistens rational begründet, und die investierte Energie lässt sich umlenken. Der Gegenwind wird zum Rückenwind.
SECHZEHN ANZEICHEN FÜR VERDECKTEN WIDERSTAND
- Lustlosigkeit bei der Arbeit
- Häufende, nicht nachvollziehbare Abwesenheit bis hin zu steigender Krankheitsquote
- Sich unwissender stellen, als man ist
- Häufende Fragen zu unwichtigen Themen
- Bereits getroffene Entscheidungen werden wiederholt infrage gestellt
- Ausweichen auf konkrete Aufforderungen
- Angenommene Aufgaben werden zurückgegeben oder weitergereicht
- Probleme werden ausgesessen
- Hektischer Aktionismus in unwesentlichen Bereichen
- Einfordern maximaler Einbeziehung unwesentlicher Beteiligter
- Schweigen an Stellen, an denen ein Wort fällig wäre
- Fernbleiben von wichtigen Terminen oder Entsenden nicht entscheidungsbefugter Vertretungen
- Forderung nach perfekten Lösungen
- Forderung, dass andere sich zuerst bewegen
- Ausgiebige Diskussion von Sonderfällen
- Grundsätzliche Zustimmung bei gleichzeitiger Anmeldung von Vorbehalten, die später geklärt werden sollen
WAS DAHINTERSTECKT
Die häufigste Ursache ist Angst, und sie wird von den Betroffenen meistens verdrängt.
Angst vor Kompetenzverlust. Angst vor Statusverlust. Angst vor mehr Kontrolle. Angst vor Transparenz. Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Angst davor, Neues lernen zu müssen.
Dazu kommt eine neurobiologische Ebene. Bei großer Verunsicherung gerät das Gehirn in Übererregung, und wir fallen in alte Muster zurück. Im Extremfall übernimmt der Hirnstamm, und der kennt nur drei Antworten: Angriff, Flucht oder ohnmächtige Erstarrung.
WAS DER BEGRIFF NICHT MEINT
Widerstand ist kein Charakterfehler. Er ist eine Information darüber, dass jemand etwas zu verlieren fürchtet, und diese Information holt niemand ab.
Er ist auch kein Zeichen für ein schlechtes Vorhaben. Veränderungen, die ohne jeden Widerstand ablaufen, sind meistens keine echten Veränderungen.
Und er lässt sich nicht wegkommunizieren. Wer mehr Folien produziert, produziert mehr Folien.
DREI STRATEGIEN, DIE ARBEITEN
Nach Gerald Hüther geht es im Kern um Vertrauen, und zwar in drei Richtungen.
Vertrauen in sich selbst. Wer sich seiner Fähigkeiten sicher ist, hält Veränderung besser aus. Gestärkt wird das durch gute Rückmeldung und durch Begleitung.
Vertrauen in andere. Gestärkt wird das durch Glaubwürdigkeit, durch Zuverlässigkeit und dadurch, dass Du ansprechbar bist für Fragen und Sorgen.
Vertrauen in den Sinn der Veränderung. Gestärkt wird das durch Transparenz, durch ausreichende Kommunikation, durch frühe Erfolgserlebnisse und dadurch, dass die Betroffenen mitgestalten.
Die eleganteste Form im Umgang mit Widerstand ist es, ihn gar nicht erst aufkommen zu lassen.