Vertrauen
Vertrauen ist die Bereitschaft, sich auf jemanden zu verlassen, ohne ihn zu kontrollieren.
Für Vertrauen braucht es zwei Voraussetzungen. Zutrauen ist die Antwort auf die Frage: Kann der andere das? Traue ich es ihm zu, dass er es kann? Wohlwollen ist die Antwort auf die Frage: Gehe ich davon aus, dass der andere es gut macht und es auch gut meint?
WAS KONTROLLE KOSTET
Eine Führungskraft, tüchtig und verlässlich, sitzt abends um neun am Schreibtisch und macht die Arbeit noch einmal, die ihr Team tagsüber längst erledigt hat. Sie nennt es Qualitätsanspruch. Ihr Team nennt es, hinter vorgehaltener Hand, Kontrollsucht.
Wo Vertrauen fehlt, wird kontrolliert. Das ist keine Charakterfrage. Das ist die naheliegende Reaktion. Und sie kostet doppelt.
Sie kostet Dich Arbeit. Wer alles gegenliest, macht die Arbeit seines Teams ein zweites Mal. Der Abend im Büro ist die Rechnung dafür, und er wiederholt sich, weil sich an der Ursache nichts ändert.
Sie kostet Deinem Team die Eigenständigkeit. Wer weiß, dass ohnehin jemand drüberschaut, prüft selbst weniger genau. Verantwortung, die dauerhaft bei jemand anderem liegt, wird nicht übernommen. Auf Dauer entsteht daraus Frustration auf beiden Seiten. Du arbeitest zu viel, und Deine Mitarbeitenden erleben, dass ihnen nichts zugetraut wird.
Kontrolle fühlt sich nach Sicherheit an und kostet doch am meisten Energie, in der Organisation und im eigenen Kopf.
WIE EINE FÜHRUNGSKRAFT AUS DER KONTROLLE HERAUSKOMMT
Zwei Schritte, und einer davon beginnt bei ihr selbst.
An der eigenen Sorge arbeiten. Hinter starker Kontrolle steht meistens eine Sorge, und sie klingt oft so: Wenn ich nicht überall drüberschaue, geht etwas schief, und das fällt auf mich zurück. Solange diese Sorge unbearbeitet bleibt, hält keine Vereinbarung, weil die Kontrolle sie wieder einkassiert. Der Weg dahin führt über zwei Fragen an sich selbst: Wann ist früher tatsächlich etwas schiefgegangen? Und was davon ist am Ende auf mich zurückgefallen? Meistens fällt die Antwort kleiner aus als die Sorge.
Ergebnisse vereinbaren statt Anwesenheit prüfen. Statt zu kontrollieren, wer wann online ist, wird vorher festgelegt, welches Ergebnis bis wann vorliegt. Die SMART-Formel taugt dafür als Prüfkatalog: Ist die Vereinbarung konkret genug, dass beide Seiten hinterher dasselbe darunter verstehen?
Geprüft wird danach das vereinbarte Ergebnis, nicht der Weg dorthin. Das entlastet beide Seiten: Deine Mitarbeitenden entscheiden selbst, wie sie hinkommen, und Du musst nicht mehr überall drüberschauen.
ZUTRAUEN
Zutrauen ist die Überzeugung, dass der andere die Fähigkeiten hat, eine Aufgabe zu bewältigen.
Das ist kein blindes Vertrauen. Es setzt voraus, dass Du die Fähigkeiten Deines Gegenübers gut einschätzen kannst, und es ist eine Einschätzung, die auch negativ ausfallen darf. Wer jemandem etwas zutraut, was der nicht kann, überfordert ihn und beschädigt zwei Dinge auf einmal, das Ergebnis und das Selbstvertrauen.
Die Kunst liegt im richtigen Maß. Eine Aufgabe soll so groß sein, dass jemand daran wächst, und so bemessen, dass er nicht in den Panikmodus fällt. Diese Grenze verschiebt sich mit jeder Aufgabe, die gelingt.
Zutrauen ist deshalb keine Dauerkarte. Was Du jemandem heute nicht zutraust, kann in vier Monaten anders aussehen, und dann gehört die Einschätzung erneuert.
WOHLWOLLEN
Wohlwollen ist die Grundannahme, dass der andere es gut meint.
Es gibt achtunddreißig Varianten, eine knappe Mail zu deuten. Ohne Wohlwollen wählst Du zuverlässig die schlechteste. Der Kollege hat nicht geantwortet, also ignoriert er Dich. Die Kollegin hat im Meeting nachgefragt, also stellt sie Dich bloß. Die Nachricht kam ohne Gruß, also ist sie verärgert.
Mit Wohlwollen liest sich dieselbe Mail als das, was sie meistens ist: geschrieben zwischen zwei Terminen, von jemandem, der es eilig hatte.
Wohlwollen ist keine Naivität. Du kannst jemandem eine gute Absicht unterstellen und sein Verhalten trotzdem klar ansprechen. Es entscheidet nur darüber, mit welchem Satz Du das Gespräch beginnst.
In stabilen Zeiten fällt fehlendes Wohlwollen kaum auf. In Veränderungsprozessen wird es zum Ausschlag gebenden Faktor, weil dort ständig unvollständig informiert wird und jede Lücke gedeutet werden muss.
MISSTRAUEN UND ZUTRAUEN, EINE VORSILBE ENTSCHEIDET
Misstrauen ist die Erwartung, dass es ohnehin schiefgeht. Zutrauen ist die Erwartung, dass es gelingen kann. Beides sind Annahmen über etwas, das noch nicht passiert ist. Und beide bestätigen sich.
Wer misstraut, fragt häufiger nach, will Zwischenstände sehen und korrigiert früh. Die Mitarbeitenden merken das, auch ohne dass es jemand ausspricht. Sie legen weniger von sich aus vor, sie sichern sich ab, sie fragen zurück, statt zu entscheiden. Am Ende steht genau die Unselbstständigkeit da, die das Misstrauen von Anfang an erwartet hat.
Wer zutraut, gibt eine Aufgabe ab und hält die Unruhe aus, bis das Ergebnis kommt. Auch das merken die Mitarbeitenden. Sie entscheiden mehr selbst, sie melden sich früher, wenn etwas hakt, und sie legen ein Ergebnis vor, das ihnen gehört.
Über die Monate vergiftet Misstrauen die Beziehung zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden und am Ende auch die im Team. Das führt zu Frust, bei allen Beteiligten, zu Recht.
Man erntet, was man sät. Wer Misstrauen sät, erntet wahrscheinlich Enttäuschung. Wer nur die kleine Vorsilbe tauscht und aus dem Miss-Trauen ein Zu-Trauen macht, öffnet sich und die Lage für die Möglichkeit, dass es gelingen kann. Vielleicht nicht in der ersten Woche, mit ein bisschen Übung aber schon.
WORAN VERTRAUEN TATSÄCHLICH WÄCHST
Nicht an Bekenntnissen. An Erfahrungen, und zwar an kleinen.
Ralf Marzinkewitsch, Geschäftsführer der Josef Henkenjohann GmbH, hat das nach einem gemeinsamen Prozess so beschrieben: „Nicht alles ist so, wie es müsste. Aber in kleinen Schritten Dinge verändern und als Team meistern schafft Vertrauen untereinander und macht Lust auf mehr.“
Der Satz enthält beides. Die Lage ist unfertig, und das Vertrauen entsteht trotzdem, weil etwas gemeinsam bewältigt wurde. Wer darauf wartet, dass erst alles stimmt, wartet auf den falschen Zeitpunkt.