Glaubenssätze
Du liest die Mail zum fünften Mal, und sie war schon beim zweiten Mal fertig.
„Ich weiß, dass ich das Gespräch führen muss, aber ich tu es nicht.“ Diesen Satz höre ich in Coachings so oft, dass ich ihn inzwischen mitspreche. Dahinter steckt selten fehlende Kompetenz. Dahinter steckt ein Satz, den jemand über sich für wahr hält.
Ein Glaubenssatz ist eine Annahme darüber, wie Du bist, wie andere sind und wie die Welt läuft. Er arbeitet wie eine Brille, durch die Du auf Dich, auf Deine Leute und auf Deine Arbeit guckst. Aufgesetzt hast Du sie meistens nicht bewusst, und im Alltag merkst Du kaum, dass Du sie trägst. Ich nenne diese Sätze in Unternehmen lieber die ungeschriebenen Gesetze, weil jeder sofort weiß, was gemeint ist.
SO SIEHT DAS IM ALLTAG AUS
Mein eigener Satz lautete jahrelang: „Ich darf keine Fehler machen.“ In den ersten Jahren meiner Selbstständigkeit habe ich Vorträge nächtelang geschliffen, Folie um Folie, immer wieder kontrolliert, obwohl längst kein Tippfehler mehr drin war.
Im Führungsalltag zeigt sich so ein Satz an ganz gewöhnlichen Stellen. Du liest jede Mail fünfmal, bevor Du sie abschickst. Du holst eine delegierte Aufgabe zurück, weil die Kollegin sie anders angeht als Du. Du willst im Meeting etwas Deutliches sagen und schweigst. Häufig meldet sich dabei auch der Körper, die Brust wird eng, die Atmung flacher, und nachts läuft die Szene noch einmal ab.
WAS DER BEGRIFF NICHT MEINT
Ein Glaubenssatz ist nichts Schlechtes. Er ist eine Abkürzung, die Komplexität greifbar macht und Dir Orientierung gibt. Auf mich ist Verlass. Wenn ich dranbleibe, finde ich eine Lösung. Fragen kostet nichts. Das sind ebenfalls Glaubenssätze, und sie arbeiten für Dich.
Hinderlich wird ein Satz erst, wenn sich die Bedingungen ändern. Was ein Kind geschützt hat, schnürt die Erwachsene ein.
Und Werte sind etwas anderes. Ein Wert ist eine Qualität, die Dir wichtig ist, Sorgfalt zum Beispiel, und Du legst sie als Maßstab an Dein Verhalten und an das der anderen an. Deine Werte kannst Du benennen, wenn jemand danach fragt. Im Eisbergmodell liegen sie unter der Wasseroberfläche, aber dicht darunter. Die Glaubenssätze liegen ganz unten.
WOHER DIE SÄTZE KOMMEN
Zwei Wege. Der erste läuft über die eigene Kindheit. Kinder streben nach Sicherheit und Anerkennung, und sie lernen früh, welches Verhalten ihnen beides bringt und welches nicht.
Der zweite läuft über die Gruppe, in der Du aufwächst, und er läuft über Sprichwörter. Übung macht den Meister, gemeinsam sind wir stark, aus Schaden wird man klug, das sind Sätze, die Dich stärken. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr, wer schön sein will, muss leiden, das sind Sätze, die Dich kleiner machen. Gehört hast Du beide, hinterfragt hast Du keinen davon.
WIE ICH MIT SOLCHEN SÄTZEN ARBEITE
In den sozialen Medien lese ich dazu fast immer dieselbe Anweisung: Der Satz muss weg, gelöscht, geheilt. Das halte ich für den entscheidenden Fehler. Wer einen Teil von sich mit Verachtung behandelt, verstärkt das schlechte Gefühl und erzeugt Widerstand gegen die eigene Veränderung. Aus Change-Prozessen kennst Du das im Großen, wo alles Neue auf Ablehnung stößt, kommt die Veränderung keinen Schritt voran.
Ich arbeite deshalb in vier Schritten.
Erkennen. Beobachte Dich im Alltag und formuliere den Satz in Deinen eigenen Worten. Die Körperreaktion zeigt Dir, an welcher Stelle Du gucken sollst.
Würdigen. Frage nach der Stärke hinter dem Satz. Hinter „Ich darf keine Fehler machen“ stecken Sorgfalt, Verantwortungsbewusstsein und ein hoher Qualitätsanspruch. Das sind gute Qualitäten. Erst in der Übertreibung entstehen daraus Kontrollzwang, Sorge, Erschöpfung und schlaflose Nächte.
Prüfen. Stimmt der Satz? Kannst Du einhundertsiebenundneunzigtausend Prozent sicher sagen, dass jemand enttäuscht ist, wenn auf Seite 17 Deiner Präsentation ein Tippfehler steht? Und die zweite Frage: Wie würdest Du Dich im nächsten Meeting verhalten, wenn Du diesen Satz nicht mehr glaubst?
Wandeln. Formuliere den neuen Satz so, dass die Stärke erhalten bleibt. Aus „Ich darf keine Fehler machen“ wird „Ich darf Fehler machen und daraus lernen“. Suche Belege, die den neuen Satz stützen, Du findest sie in Deiner eigenen Geschichte. Sprich ihn Dir mehrmals in ruhigem Ton zu, weil Dein Nervensystem alles Neue zunächst als Gefahr behandelt. Und dann setze ihn um, im nächsten Gespräch, in der nächsten Entscheidung.