Unternehmenskultur
Vor 15 Jahren war es der Obstkorb, heute Homeoffice und Jobfahrrad, in fünf Jahren etwas anderes.
Unternehmenskultur ist die Summe dessen, wie bei Euch tatsächlich miteinander gearbeitet wird. Nicht das, was im Leitbild steht. Das, was passiert, wenn niemand hinguckt.
Sie zeigt sich in drei Schichten. Oben liegt das Sichtbare, Rituale, Meetingformate, Sprache, wer wo sitzt und wer wann redet. Darunter liegen die Werte, die aufgeschrieben und diskutiert werden. Und ganz unten liegen die ungeschriebenen Gesetze, die Sätze, nach denen tatsächlich gehandelt wird.
SO SIEHT DAS IM ALLTAG AUS
Eine neue Kollegin lernt Eure Kultur in ihren ersten vier Wochen, und niemand erklärt sie ihr. Sie beobachtet, wer im Meeting unterbrochen wird und wer nicht. Sie merkt, wie lange eine Mail an die Geschäftsführung unbeantwortet bleibt. Sie sieht, was passiert, wenn jemand einen Fehler zugibt. Nach vier Wochen weiß sie mehr über Eure Kultur als jedes Onboarding-Handbuch enthält.
Das, was ich häufig beobachte, ist, dass Unternehmen ihre Kultur über Benefits beschreiben. Vor 15 Jahren war es der Obstkorb, heute sind es Homeoffice und Jobfahrrad, in fünf Jahren wird es etwas anderes sein. Das sind Leistungen, keine Kultur. Kultur erkennst Du daran, wie bei Euch gestritten wird.
WAS DER BEGRIFF NICHT MEINT
Kultur ist kein Projekt, das jemand einführt. Sie ist immer schon da, in jeder Organisation, auch in der, die nie darüber gesprochen hat.
Sie ist auch nicht das Leitbild. Das Leitbild beschreibt, was Ihr sein wollt. Die Kultur beschreibt, was Ihr seid.
Und sie lässt sich nicht per Beschluss ändern. Was sich per Beschluss ändern lässt, sind Regeln. Kultur folgt später, wenn überhaupt.
WORAN ICH ARBEITE, WENN JEMAND KULTUR SAGT
Wenn eine Geschäftsführung mich für einen Kulturprozess anfragt, gucke ich zuerst auf die unterste Schicht. Denn ein Leitbild an der Wand ändert nichts, solange die ungeschriebenen Gesetze darunter gleich bleiben.
Zwei Beobachtungen aus über hundert Prozessen. Erstens: Ein Vakuum wird immer gefüllt. Wo eine Geschäftsführung nicht sagt, was gilt, entsteht trotzdem eine Regel, sie wird nur von jemand anderem geschrieben. Zweitens: Kultur fängt beim Einzelnen an, und im Führungskreis besonders. Was die Führung vorlebt, lernt das Team innerhalb von Wochen, und zwar unabhängig davon, was sie sagt.
Ein Kulturprozess läuft bei mir deshalb nie über ein Wochenende. Er läuft über anderthalb bis zwei Jahre, und der stete Tropfen höhlt den Stein.