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Glossar

Augenhöhe

Ein Wort, das ich selbst jahrelang benutzt habe und heute im Text nicht mehr schreibe.

Victoria Beckers 2 Min. Lesezeit

„Wir begegnen uns hier auf Augenhöhe.“ Diesen Satz höre ich in Leitbildern, in Stellenanzeigen und in Führungsklausuren. Gemeint ist meistens etwas Richtiges: ein wertschätzender, respektvoller Umgang, eine kollegiale und kooperative Art der Zusammenarbeit. Diese Idee gehe ich voll mit.

Das Wort selbst gehe ich nicht mehr mit. Es beschreibt einen Zustand, den es in einer Führungsbeziehung nicht gibt.

WARUM DER BEGRIFF IM FÜHRUNGSKONTEXT IN DIE IRRE FÜHRT

In einem Linien- oder Stablinienorganigramm hat die Führungskraft immer größere Entscheidungsbefugnisse als der Mitarbeitende. Sie entscheidet über Gehalt, über Beurteilung, über Aufgaben, im Zweifel über die Zusammenarbeit selbst. Das ist eine reale Differenz, und das Wort Augenhöhe verschleiert sie.

Vollkommene Gleichheit lässt sich zwischen diesen beiden Rollen nicht herstellen. Wer sie behauptet, verlangt von beiden Seiten, so zu tun als ob. Und das merken die Beteiligten, spätestens beim nächsten Zielgespräch.

WAS TATSÄCHLICH VARIIERT

Nicht die Hierarchie ist beweglich, sondern vier andere Dinge.

Der Führungsstil, also wie kooperativ Führungskraft und Mitarbeitende zusammenarbeiten. Die Transparenz, mit der die Führungskraft kommuniziert. Die Enge des Vertrauensverhältnisses. Und die Eigenverantwortung und Selbstorganisationsfähigkeit des Mitarbeitenden.

Diese vier wirken aufeinander. Je eigenverantwortlicher und zuverlässiger jemand arbeitet, desto weniger muss eine Führungskraft kontrollieren und im Klein-Klein mitregieren. Und je transparenter eine Führungskraft kommuniziert, desto eher wächst diese Eigenverantwortung. Darüber lohnt sich ein Gespräch. Über Augenhöhe nicht.

WAS HINTER DEM WUNSCH OFT STECKT

Hier wird es für mich interessant, und das ist meine ganz steile Hypothese.

Wenn Mitarbeitende Augenhöhe einfordern, steckt darin ein berechtigter Wunsch, menschlich respektvoll behandelt zu werden. Daneben steckt darin, meistens unbewusst, etwas Angstgetriebenes, fast ein Kontrollmechanismus. Wer unbedingt in jeden Kommunikationsfluss und in jeden Gedanken eingebunden sein will, sorgt sich im Hintergrund, dass ohne diese vollständige Einbindung etwas schiefgeht.

Diese Sorge ist im Kern fehlendes Vertrauen gegenüber der Führungskraft. Sie spricht sich nur nicht so aus, sondern als Wunsch nach Augenhöhe.

Vertrauen wirkt in beide Richtungen. Die Führungskraft muss dem Mitarbeitenden vertrauen, und der Mitarbeitende der Führungskraft. Wer uneingeschränktes Vertrauen einfordert, weist genau auf das hin, was gerade fehlt. Das ist ein Risiko, das viele nicht erkennen und in Teams selten besprechbar machen.

WAS ICH STATTDESSEN SCHREIBE UND SAGE

Konkretes Verhalten, das jemand am Montag beobachten kann.

  • „Ich höre Dir bis zum Ende zu, bevor ich antworte.“
  • „Ich sage Dir, was ich denke, auch wenn es Dir nicht passt.“
  • „Im Konfliktfall reden wir miteinander, statt übereinander.“
  • „Ich sage Dir, was ich entscheide und warum, auch wenn Du es anders entschieden hättest.“

Klare Entscheidungswege bei wertschätzendem Ton. Das lässt sich prüfen. Augenhöhe lässt sich nur behaupten.

Und jetzt?

Ein Wort, das eine Differenz zudeckt, macht sie nicht kleiner. Wenn Ihr in Eurem Leitbild ein paar solcher Wörter stehen habt, lass uns eine halbe Stunde sprechen.

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