Energie durch Entwicklung
Glossar

Fehlerkultur

Deiner Mitarbeiterin ist ein kleiner Fehler passiert. Sie hat sich danach stundenlang gedanklich selbst geprügelt, und Dir hat sie nichts gesagt.

Victoria Beckers 3 Min. Lesezeit

Fehlerkultur beschreibt, wie in einem Unternehmen mit Fehlern umgegangen wird. Der Begriff steht in fast jedem Leitbild, und ich halte ihn für falsch gewählt. Weiterentwicklung entsteht nämlich nicht durch Fehler.

Sie entsteht durch Irrtümer, und das sind zwei verschiedene Dinge.

FEHLER UND IRRTUM

Ein Fehler ist, etwas zu tun, von dem im Vorfeld bereits klar war, dass es nicht klappen wird. Von dem man also weiß, dass es falsch ist, und es trotzdem tut. Durch einen Fehler richtet man wissentlich Schaden an, produziert unnötige Kosten, verärgert Kundinnen und Kollegen, schadet dem eigenen Ruf und im schlimmsten Fall der Reputation des Unternehmens.

Ein Irrtum ist etwas anderes. Nachdenken, eine Möglichkeit sehen, sich diese Chance genau vorstellen, es ausprobieren, feststellen, dass es so nicht geht, analysieren, verbessern, wieder ausprobieren. Das ist Weiterentwicklung.

Und daraus folgt der Satz, auf den es mir ankommt: Das Ergebnis eines Fehlers kann nur sein, ihn nicht zu wiederholen. Das Ergebnis eines Irrtums ist Verbesserung.

Wir entwickeln uns nur weiter durch Irrtümer, nie durch Fehler.

DIE DREIER-REGEL

Weil diese Unterscheidung im Alltag manchmal schwerfällt, arbeite ich mit einer einfachen Regel.

Einmal ist völlig in Ordnung.

Beim zweiten Mal ist ein grübelndes Hmmm angebracht.

Ab dem dritten Mal wird es zu einem echten Fehler, weil der Lerneffekt ausgeblieben ist.

Zwei Einschränkungen dazu. Erstens hängt das am Bereich. Im Operationssaal und in der Notaufnahme gelten andere Maßstäbe als in der Angebotserstellung. Zweitens gilt die Regel nicht für Experimente. Wo bewusst etwas ausprobiert wird, ist das Ergebnis in beide Richtungen brauchbar. Klappt es, ist es gut. Klappt es nicht, ist es auch gut.

WAS DER BEGRIFF NICHT MEINT

Fehlerkultur meint keine Gleichgültigkeit. Wer den dritten gleichen Fehler wie den ersten behandelt, führt nicht, er verwaltet.

Sie meint auch nicht, dass Fehler gefeiert werden. Der Trend der Fuck-up Nights, bei denen Unternehmerinnen und Unternehmer öffentlich über ihre Misserfolge sprechen, ist dabei wenig hilfreich. Der Fokus liegt dort auf dem, was schiefgelaufen ist, publikumswirksam ausgeschmückt, und über den eigentlichen Lernprozess wird zu wenig gesagt.

Und sie meint keine Fehlerlosigkeit. Der Anspruch, makellos zu sein, ist in unserer Gesellschaft bis heute dominant, und er stammt aus einem Führungsverständnis, das im obrigkeitsgeprägten Preußen des 19. Jahrhunderts entstanden ist. Belohnung und Bestrafung. Wer Angst haben muss, einen Fehler zu machen, verkrampft sich so, dass ausgerechnet dadurch einer passiert.

WARUM ICH LIEBER LERNKULTUR SAGE

Weil das Wort beschreibt, worum es tatsächlich geht. Fehlerkultur richtet den Blick auf das, was schiefgegangen ist. Lernkultur richtet ihn auf das, was daraus entsteht.

Und weil das Wort den Umgang mitbestimmt. In einem Haus mit Fehlerkultur wird gefragt, wer es verbockt hat. In einem Haus mit Lernkultur wird gefragt, was uns das lehrt.

FÜNF SPIELREGELN, DIE IM ALLTAG ARBEITEN

Jeder darf sich irren, und das gehört ausgesprochen. Solange es nicht gesagt wird, gilt das Gegenteil, und dann werden Fehler unter den Teppich gekehrt und mit Dekoblumen zugedeckt.

Das Eingeständnis wird respektiert. Wer einen Irrtum meldet, bevor jemand danach fragt, hat etwas geleistet und keinen Schaden angerichtet.

Die Führungskraft geht voran. Nicht als Bühnenprogramm, sondern schlicht dadurch, dass sie eigene Irrtümer benennt. Wenn Du Deinem Team gegenüber zugibst, dass Du Dich geirrt hast, wächst das Vertrauen zu Dir, weil Du Dich als nahbar zeigst.

Gemeinsam nach Ursachen suchen statt nach Schuldigen. Der schnellste Handgriff dafür ist eine Sprachregel: wir haben statt Du hast.

Die Lernfrage bekommt einen festen Platz. Eine Frage im wöchentlichen Termin reicht: Was haben wir diese Woche gelernt? Auch die kleinen Erkenntnisse zählen.

Wer diese fünf Regeln über Monate durchhält, verwandelt eine Angstschleife in eine Lernschleife. Und dann gilt für den einzelnen Irrtum: hätte, wäre, wenn, ist halt gelaufen. Weiter geht es mit dem, was daraus folgt.

Und jetzt?

Das Ergebnis eines Fehlers kann nur sein, ihn nicht zu wiederholen. Das Ergebnis eines Irrtums ist Verbesserung. Wenn bei Euch Probleme erst auf dem Tisch landen, wenn sie groß sind, lass uns eine halbe Stunde sprechen.

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